Resilienzorientierung

Ressourcenorientierung

Schutzfaktoren sind mehr als die Abwesenheit von Risikofaktoren. Kein Missbrauch und keine Misshandlung zu erleben, bedeutet nicht, dass eine gute elterliche Beziehung zum Kind vorhanden ist.

Der Blick auf Schutzfaktoren ermöglicht ein entwicklungsförderndes, ressourcenorientiertes Handeln. Schutzfaktoren hängen mit psychischen Grundbedürfnissen von Kindern zusammen. Denn als Schutzfaktor wirkt, was diese Grundbedürfnisse befriedigen kann (Klemenz 2009, S. 360 ff.). Ressourcenorientiertes Handeln unterstützt die Bewältigung von Entwicklungsprozessen und stellt Mittel zur Bedürfnisbefriedigung bereit. Eine ressourcenorientierte Vorgehensweise ermöglicht es, Kinder in ihren positiven Möglichkeiten und individuellen Stärken wahrzunehmen und zu fördern (vgl. Kneise 2008, S. 91 ff., S. 259).

Ressourcen
„Die psychische Widerstandsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen ist vor allem darauf zurückzuführen, dass es den Betroffenen gelingt, internale und externale Ressourcen erfolgreich zu nutzen, um anstehende Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Deshalb geraten die Potentiale und Ressourcen, die die kindliche Entwicklung schützen und stärken, zunehmend in das Zentrum der Resilienzforschung.“ (Klemenz 2003, S. 28)

Psychische Grundbedürfnisse von Kindern
Was Menschen antreibt und motiviert, wird wesentlich von ihren körperlichen und psychischen Grundbedürfnissen bestimmt. Neben den körperlichen Grundbedürfnissen, wie z. B. Nahrung und Bewegung, wurden in den letzten Jahren auch psychische Grundbedürfnisse von Kindern identifiziert, die (über-)lebensnotwendig sind. Diese sind: (1) Lustgewinn und Unlustvermeidung, (2) Orientierung und Kontrolle, (3) Selbstwertschutz und Selbstwerterhöhung und (4) eine sichere Bindung (vgl. zum Folgenden Klemenz 2009, S. 364; Borg-Laufs / Dittrich 2010, S. 7 ff.).

  • Lustgewinn und Unlustvermeidung: Menschen bewerten Situationen (bewusst oder unbewusst) nach den Kategorien „gut“ und „schlecht“. Sie streben danach, Unlust zu vermeiden und angenehme Zustände (Lust) zu erleben. Dieses Motiv ist bereits bei Kleinkindern wirksam. Es sind jedoch nicht die Dinge an sich, die Lust oder Unlust bereiten, sondern deren kognitiv-emotionale Bewertung. Was Lust und Unlust verursacht, ist also sehr individuell.

  • Orientierung und Kontrolle: Menschen streben danach, die Welt, in der sie leben, zu verstehen und auf wichtige Bereiche Einfluss nehmen zu können (Selbstwirksamkeitserwartung). Ein angenommener oder tatsächlicher Verlust über die Kontrolle der Umwelt verursacht Angst. Deshalb sind Strukturen und Regeln sowie entwicklungsangepasste Möglichkeiten der Beteiligung an Entscheidungen wichtig.

  • Selbstwertschutz und Selbstwerterhöhung: Menschen wollen sich selbst als „gut“ und wertvoll sehen können und auch von anderen so wahrgenommen und anerkannt werden. Selbstwertdienliche Erfahrungen sind deshalb von großer Wichtigkeit, da sie das eigene Selbstbewusstsein stabilisieren. Kinder benötigen hierzu von ihren wichtigsten Bezugspersonen Lob und Unterstützung. Permanente Kritik und Abwertung sind hinderlich. Sich selbst abzuwerten (oder gar abzulehnen) sind Hinweise auf psychische Problemlagen. Menschen neigen dazu, sich in Situationen zu begeben, in denen sie selbstwertdienliche Erfahrungen machen können und andere Situationen meiden.

  • Bindung: Für eine psychisch gesunde Entwicklung ist ein befriedigtes Bindungsbedürfnis wesentlich. Bindungsrelevante Erfahrungen können das gesamte Leben über gemacht werden (jedoch mit abnehmendem Wirkungsgrad).

Diese vier Bedürfnisbereiche stehen in enger Beziehung zueinander und ergänzen sich gegenseitig. Menschen streben danach, Verhaltenstendenzen und psychische Bestrebungen widerspruchsfrei und sinnhaft zu organisieren, abzustimmen und miteinander zu verknüpfen, sodass die eigene Person und die Welt als stimmig erlebt werden können. Sie handeln nach dem sog. Konsistenzprinzip (vgl. Klemenz 2009, S.369).

Gewaltprävention Vorschule und Kindergarten

Die Befriedigung eines Bedürfnisses kann ein anderes Bedürfnis verletzen. Eine Grundaufgabe ist deshalb, Bedürfnisse und deren Befriedigung miteinander zu verbinden bzw. diese psychisch zu integrieren. Ressourcenförderung ist besonders dann effektiv, wenn sie Kinder entsprechend ihrem Entwicklungstand ermöglicht,

  • „sich sicher zu orientieren,
  • ein Stück weit Kontrolle über ihren Alltag (zurück) zu gewinnen,
  • eine längerfristig positive Lust-Unlust-Balance herzustellen,
  • Bindungen aufzubauen und zu sichern sowie
  • selbstwertdienliche und -stabilisierende Erfahrungen machen zu können“ (Kneise 2008, S. 92; vgl. auch Klemenz 2003, S. 43–120). Präventionsmaßnahmen müssen deshalb im Einklang mit der Befriedigung dieser psychischen Grundbedürfnisse stehen.

Gewaltprävention in der Familie

Sichere Bindung als Schutzfaktor
„In den ersten Lebensjahren geht das Kind Bindungen zu den Personen ein, die seine körperlichen und psychischen Bedürfnisse regelmäßig befriedigen. Diese Bindungen sichern das Überleben und stellen Erfahrungen dar, die das zukünftige Bindungsverhalten und den Umgang mit anderen Menschen mitbestimmen.“ (Werner 2006, S. 13–2)

Die Entwicklung einer sicheren Bindung zu einer konstanten Bezugsperson (die oft auch als „sichere Basis“ oder „sicherer Hafen“ bezeichnet wird) wird heute allgemein als Grundlage für eine gelingende Ichentwicklung angesehen. Das Bindungskonzept geht auf den britischen Kinderarzt und Psychoanalytiker John Bowlby zurück. Er untersuchte die Auswirkungen von Trennungserfahrungen bei verhaltensauffälligen Kindern in den 1950er Jahren und erkannte die Bedeutung einer sicheren Mutter-Kind-Bindung.

Nach Bowlby haben sich „gegen Ende des ersten Lebensjahres bei allen normal entwickelten Kindern klar identifizierbare Bindungsmuster herausgebildet“ (vgl. Suess 2011, S. 10). Mit etwa drei Jahren treten Kinder in eine weitere Phase ein. Kinder sind nun in der Lage, ihre Bindungsbedürfnisse mit ihren Bindungspartnern zu verhandeln, da sie deren Absichten und Pläne stärker erkennen und einbeziehen können. Suess weist darauf hin, dass die Forschungslage verdeutlicht, dass in der Bindungsentwicklung besonders die Zeit zwischen dem 6. und 24. Lebensmonat entscheidend sei. „Verfügt ein Kind in dieser Lebensphase nicht über die Möglichkeit für eine spezielle Bindungsbeziehung, sind die schädigenden Einflüsse bis in die körperliche Entwicklung hinein bemerkbar.“ (Ebd.)

Wenn Kinder sicher gebunden sind, können sie sich auch von der jeweiligen Bezugsperson (vorübergehend) wieder lösen, um die Welt zu erkunden. Zur sicheren Bindung gehören deshalb nicht nur das Trösten und Unterstützen, sondern ebenso die Förderung des Erkundungs-und Explorationsdranges.

Sichere Bindungen können eine gesunde seelische Entwicklung ermöglichen, von Mangel geprägte und belastete Bindungserfahrungen dagegen verursachen seelische Notlagen und beeinträchtigen die Entwicklung. Für ein Kind sind das vor allem der Verlust der Eltern oder naher Familienangehöriger und Verhaltensweisen der Eltern dem Kind gegenüber, die es verunsichern, vernachlässigen oder ihm Schaden zufügen. Körperliche und seelische Misshandlungen gehören auch dazu (Alberti 2010, S.59).

Sicher/unsicher
„Sicher gebundene Kinder wenden sich in Notlagen ihrer Mutter zu, um getröstet zu werden, und man geht davon aus, dass sie in der Vergangenheit eher gleichbleibende Zuwendung erfahren haben. Im Gegensatz dazu sind unsicher gebundene Kinder nicht in der Lage, in der Nähe ihrer Mutter Trost zu finden oder ihre Ängste von ihr zerstreuen zu lassen. Daher wird angenommen, dass die Mütter von unsicher gebundenen Kindern weniger oder nur unregelmäßig auf diese eingegangen sind.“
(Dweck 2012, S. 98)

 

Bindungsqualitäten
In der Bindungstheorie werden verschiedene Bindungsqualitäten innerhalb der Eltern-Kind-Bindung unterschieden:

  • Sichere Bindung: Hier werden Nähe- und Distanzierungsbedürfnisse überwiegend feinfühlig beantwortet und das Kind erfährt eine stimmige Resonanz auf seine Signale. Später wird es selbst auf gute Weise Nähe und Distanz regulieren können und in der Lage sein, empathisch auf andere einzugehen.
  • Unsichere Bindung: Das Kind bekommt zu wenig stimmige Resonanz auf seine Signale, es wird vernachlässigt und zurückgewiesen. Der zeitlich begrenzte oder dauerhafte Verlust von Mutter oder Vater oder schwere körperliche und psychische Erkrankungen der Eltern können zu einer unsicheren Bindungsqualität führen. Später wird ein Kind mit einer unsicheren Bindungserfahrung eventuell übermäßig nach Sicherheit suchen oder aber Nähe vermeiden.
  • Ambivalent-unsichere Bindung: Das Kind erlebt keine Zuverlässigkeit und Vorhersehbarkeit im Verhalten der Eltern: Es wird mit Liebe „überschüttet“ und im nächsten Moment abgelehnt. So wird es später eher ambivalent auf Beziehungsangebote reagieren.
  • Emotional-missbräuchliche Bindung: Das Kind hat die Aufgabe einer emotionalen Versorgung der Eltern übernommen. Erfüllt es diese Rolle, wird es seinerseits geliebt. Die Familienordnung zwischen Eltern und Kindern wird aufgehoben beziehungsweise umgedreht. Das Kind gibt den Eltern Zuwendung, hört ihre Sorgen an, tröstet sie und liebt sie, weil sie Liebe brauchen. Emotional missbrauchte Kinder können in späteren Bindungsbeziehungen oft nur schwer ihre Interessen vertreten, sie haben früh gelernt, dass die Bedürfnisse der anderen immer Vorrang haben.
  • Desorganisierte Bindung: Das Kind erfährt körperliche und seelische Gewalt. Kinder, die mit häuslicher Gewalt, Vernachlässigung oder gravierenden psychischen Störungen eines Elternteils aufwachsen, sind hiervon betroffen. Orientierungslosigkeit, mangelndes Vertrauen und Angst vor anderen Menschen können daraus entstehen. Spätere Bindungen/Beziehungen können dadurch immer wieder belastet werden.

(Alberti 2010, S. 58 ff., Auszüge)

 

Soziale Anerkennung als Schutzfaktor
Joachim Bauer (2008, S. 19 ff.) zeigt vor dem Hintergrund neurobiologischer Forschungen, dass unsere Motivationssysteme dann im Gehirn verankert werden, wenn Interesse, soziale Anerkennung und persönliche Wertschätzung erlebt werden. Dabei ist die Qualität der Interaktion wichtig. Kinder erhalten diese notwendige Wertschätzung im Rahmen zuverlässiger persönlicher Beziehungen zu ihren Bezugspersonen. Nur dort, wo sich Bezugspersonen für das einzelne Kind persönlich interessieren, kommt es in diesem zu einem Gefühl, dass ihm eine Bedeutung zukommt, dass das Leben einen Sinn hat und dass es sich deshalb lohnt, sich für Ziele anzustrengen. Kinder haben ein biologisch begründetes Bedürfnis, Bedeutung zu erlangen. Ohne Beachtung können sie nicht nur keine Motivation aufbauen, sondern sich auch insgesamt nicht gesund entwickeln. Gerade weil Kinder diese Anerkennung suchen, wollen sie auch eine klare Auskunft darüber haben, was ihre Bezugs-personen von ihnen erwartet.

Bauer weist noch auf einen anderen bedeutsamen Zusammenhang hin: An der Art und Weise, wie Kinder von ihren Eltern und Lehrern wahrgenommen werden, erkennen sie, wer sie selbst sind und wer sie sein könnten, das heißt, worin ihre Potenziale und Entwicklungsmöglichkeiten bestehen (ebd, S. 26 f.). Kinder und Jugendliche verwerten dabei Informationen der unmittelbaren erwachsenen Vorbilder sowie die Spiegelung (ihres eigenen Bildes), die sie von ihren Bezugspersonen erhalten.

Gewaltprävention in der Vorschule und im Kindergarten

Kommunikative Kompetenzen als Schutzfaktoren
Sprachfähigkeiten sind wichtig, da sie der Schlüssel zur sozialen Inter-aktion und Lernfähigkeit darstellen. Sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Sprach- und Kommunikationsfähigkeit ermöglichen es Gefühle, Bedürfnisse und Meinungen mitteilen zu können. Mangelnde Wert-schätzung anderen gegenüber sowie aggressives und dissoziales Verhalten sind häufig verbunden mit verbalen Kommunikationsschwierigkeiten (vgl. Gross 2008, S. 29).

Familien und Kindertageseinrichtungen, die Sprach- und Kommunikationsprobleme bei Kindern vor dem fünften Lebensjahr im Blick haben und Fördermaßnahmen rechtzeitig beginnen, können negative Entwicklungen verhindern, die später nur schwer zu beeinflussen sind. Die erfolgreichste Strategie, dissoziales Verhalten, verbunden mit späteren Benachteiligungen und ungünstigen Entwicklungen, zu verhindern ist, den Spracherwerb und darauf aufbauend die Schreib- und Lesefähigkeit zu fördern. Denn mangelnde Fähigkeiten in diesen Bereichen sind eng mit ungünstigen oder gar dissozialen Entwicklungen verbunden. Zahlreiche Untersuchungen haben drei zentrale Schutzfaktoren für den Vorschulbereich identifiziert, die die Wahrscheinlichkeit positiver Entwicklungen erhöhen (vgl. Gross 2008, S. 21):

  • Sprachverständnis und sprachliche Ausdrucksfähigkeit (und damit verbunden spätere Lese- und Schreibfähigkeit)
  • soziale und emotionale Kompetenzen
  • Unterstützung der Erziehungskompetenzen der Eltern.

Gewaltprävention Vorschule, Kita, Kiga

Sprache
„Wir müssen den Sprach-entwicklungsprozess in den Mittelpunkt stellen, so früh wie möglich damit beginnen, und zwar nicht allein im Kindergarten, sondern mit der Familie. Wir müssen der Familie die Zuversicht vermitteln, dass wir die Muttersprache schätzen und nach Möglichkeit fördern. Deshalb sollten die Familien nicht nur Angebote zum Erwerb der deutschen Sprache bekommen, sondern ebenso Angebote zur Weiterentwicklung der Muttersprache. Letztlich sind wir gut beraten, den Sprachentwicklungsprozess von Migrantenkindern mit einer positiven Thematisierung ihrer Kultur in der Kindergruppe zu begleiten.“ (Fthenakis 2007, S. 13)

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