Gewalt

Was ist Gewalt?

Gewalt ist ein kulturelles Phänomen, das die Menschheit auf ihrem Weg begleitet. Gewaltprävention ist davon abhängig, was unter Gewalt verstanden wird und wo die Ursachen von Gewalt gesehen werden. Im Kontext von Gewaltprävention wird Gewalt häufig als physische Gewalt verstanden. Alltagsvorstellungen von Ge­walt haben in der Regel eher beschreibenden Charakter. Solche Vorstellungen spiegeln sich auch bei Umfragen wider, z.B. wenn gefragt wird: „Ist diese Handlung für dich Gewalt?“ Abgesehen davon, dass bei solchen Fragen weder die Motive, noch die Ziele oder Folgen des Handelns einbezogen werden, wird schnell klar: Gewalt kann nur kontextgebunden verstanden werden.

Die Schwierigkeiten einer Begriffsbestimmung
Gewalt ist ein Phänomen, das nicht klar definiert und abgegrenzt ist, weder in der Wissenschaft, noch im Alltag. In der öffentlichen Diskussion werden oft verschiedene Dinge gleichzeitig als Gewalt bezeichnet: Beschimpfungen, Beleidigungen, Mobbing, Gewaltkriminalität (Raub- und Morddelikte), Vandalismus, gewalttätige Ausschreitungen bei Massenveranstaltungen, fremdenfeindliche Gewalt gegen Menschen, Gewalt zwischen „Streetgangs“ (Bandenkriege), politisch motivierte Gewalt – von Befreiungsbewegungen oder staatlichen Sicherheitskräften bis zu militärischen Operationen.

Der Begriff Gewalt ist jedoch nicht nur schwer zu fassen, unscharf und unpräzise, er hat darüber hinaus auch (zumindest im deutschen Sprachraum) verschiedene Bedeutungsinhalte: Er ist eine Bezeichnung für Staatsgewalt und deren Träger, benennt Verfügungs- und Besitzverhältnisse und stellt eine Kennzeichnung für Gewaltanwendung als physische Verletzung und Zwangseinwirkung auf Personen dar (vgl. Imbusch 2002, S. 26 ff.).

Im englischen Sprachgebrauch wird dagegen klar unterschieden zwischen „Power“ als neutrale Fähigkeit etwas zu tun, bzw. etwas zu bewirken und „Violence“, als problematische Ausübung physischer Stärke mit dem Ziel, Personen zu verletzen oder Sachen zu schädigen.

Je nachdem, ob ein enger oder weiter Gewaltbegriff verwendet wird, lässt sich eine Gesellschaft (oder eine Organisation) als „eher gewaltarm“ oder als „eher gewalthaltig/gewalttätig“ klassifizieren. Abhängig davon, ob die Ursachen und Bedingungen von Gewalt eher beim Individuum oder in gesellschaftlichen Lebenslagen gesehen werden, werden unterschiedliche Verantwortlichkeiten angesprochen.

Gewalt entzieht sich der Definition: Gewalt ist ein äußerst diffuses und komplexes Phänomen, das sich einer exakten wissenschaftlichen Definition entzieht und dessen Definition eher dem Urteil des Einzelnen überlassen bleibt. Die Vorstellung von akzeptablen und nicht akzeptablen Verhaltensweisen und die Grenzen dessen, was als Gefährdung empfunden wird, unterliegen kulturellen Einflüssen und sind fließend, da sich Wertvorstellungen und gesellschaftliche Normen ständig wandeln.
WHO: Weltbericht Gewalt und Gesundheit. Kopenhagen 2003.

Gewaltprävention hat mit dem Dilemma zu tun, dass sie einerseits auf vorfindbare Gewalt reagieren muss, andererseits aber nur wenig oder kaum auf präzise Analysen, Beschreibungen und Definitionen ihres Gegenstandsbereiches zurückgreifen kann.

Um einen praktikablen Ausweg zu finden, grenzen viele Projekte oder Ansätze der Gewaltprävention Gewalt auf den Bereich der physischen Gewaltanwendung ein (im schulischen Bereich wird die verbale Gewalt sehr stark betont). Dies erscheint in der Praxis der Gewaltprävention für die Durchführung konkreter Projekte vor Ort als legitim und sinnvoll. Für die wissenschaftliche Betrachtung und Theorieentwicklung im Rahmen von Gewaltforschung stellt es jedoch eine unzulässige Einengung und Vereinfachung dar, denn „was überhaupt als körperliche Gewalt gilt, hängt primär auch davon ab, wie wir den Leib selber interpretieren, das heißt vom kulturellen Kontext, von geschlechtsspezifischen, religiösen, politischen und sonstigen Vorstellungen und Deutungen“ (Hügli 2005, S. 21).

Doch es gibt noch weitere Gründe, die gegen eine Reduktion sprechen: Gewaltprävention muss sich gegen alle Formen von Gewalt wenden, weil sonst Gewalt nur unzureichend erklärt werden kann und bestimmte Gewaltphänomene nicht erfasst werden können wie z.B. das Phänomen der gegenseitigen Beeinflussung und Stabilisierung verschiedener Formen der Gewalt.

Über die Gewalt: Der reißende Strom wird gewalttätig genannt. Aber das Flußbett, das ihn einengt, nennt keiner gewalttätig. Der Sturm, der die Birken biegt, gilt als gewalttätig. Aber wie ist es mit dem Sturm, Der die Rücken der Straßenarbeiter biegt?
Bertolt Brecht

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