Gewalt

Gewaltbegriffe

Gewalt bedeutet umgangssprachlich Schädigung und Verletzung von Personen oder Sachen. Der Begriff „Gewalt“ wird dabei häufig auch synonym zu dem Begriff „Aggression“ gebraucht bzw. als Teilmenge von Aggression verstanden. Dies rührt daher, dass sich die Begriffe Aggression und Gewalt nicht klar voneinander trennen lassen. Unter-Aggression werden häufig minder schwere Verletzungen oder die übertretung von sozialen Normen verstanden, während mit Gewalt schwere Verletzungen und übertretung von Geboten und Gesetzen bezeichnet werden. In diesem Verständnis ist Aggression dann eine Vorform von Gewalt. Allerdings beinhaltet der Begriff Aggression immer auch positive Lebenskräfte und Energien. Deshalb unterscheidet Erich Fromm (1996) zwischen „gutartiger Aggression“ als notwendiges Energiepotenzial und positive Kraft und „bösartiger Aggression“ als spezifische menschliche Leidenschaft, zu zerstören und absolute Kontrolle über ein Lebewesen zu haben. Die bösartige Aggression bezeichnet er als Destruktion.

Während der Begriff Aggression aus der Psychologie stammt, wird der Begriff Gewalt in verschiedenen Fachdisziplinen verwendet und jeweils spezifisch definiert, u.a. in der Soziologie, Friedens- und Konfliktforschung, Rechtswissenschaft, Religionswissenschaft, Staatstheorie.

Kulturelle Gewalt: Unter „kultureller Gewalt“ wird jede Eigenschaft einer Kultur bezeichnet, mit deren Hilfe direkte oder strukturelle Gewalt legitimiert werden kann. Diese Form der Gewalt tötet nicht oder macht niemandem zum Krüppel, aber sie trägt zur Rechtfertigung bei. Ein typisches Beispiel hierfür ist die rechtsextreme Ideologie der Ungleichheit, deren extremste Form die Theorie vom „Herrenvolk“ darstellt.
Vgl. Johan Galtung: Cultural Violence. In: Journal of Peace Research, vol. 27, no. 3/1990, S. 291 ff.

Der Gewaltbegriff von Johan Galtung
Die Diskussion in den Sozialwissenschaften, insbesondere der Friedens- und Konfliktforschung wurde in den letzten 40 Jahren stark vom Gewaltbegriff Johan Galtungs geprägt. Ende der 1960er Jahre hat Johan Galtung die Unterscheidung von personaler und struktureller Gewalt in die Diskussion eingeführt und Anfang der 1990er Jahre durch den Begriff der kulturellen Gewalt ergänzt. Gewalt liegt nach Galtung dann vor, wenn Menschen so beein­flusst werden, dass ihre tatsächliche körperliche und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre mögliche Verwirklichung.

Bei personaler Gewalt sind Opfer und Täter eindeutig identifizierbar und zuzuordnen (Galtung 1991). Strukturelle Gewalt produziert ebenfalls Opfer. Aber nicht Personen, sondern spezifische organisatorische oder gesellschaftliche Strukturen und Lebensbedingungen sind hierfür verantwortlich. Mit kultureller Gewalt werden Ideologien, überzeugungen, überlieferungen und Legitimationssysteme beschrieben, mit deren Hilfe direkte oder strukturelle Gewalt ermöglicht und gerechtfertigt, d.h. legitimiert wird.

Galtung sieht einen engen Zusammenhang zwischen diesen Gewaltformen (2005, S. 3): „Direkte Gewalt, ob physisch und/oder verbal, ist sichtbar. Doch menschliche Aktion kommt nicht aus dem Nichts; sie hat ihre Wurzeln. Zwei davon wollen wir andeuten: eine auf Gewalt basierende Kultur (...) und eine Struktur, die selbst gewalttätig ist, indem sie repressiv und ausbeuterisch ist.“ Galtung beschreib da gewalttätige Kulturen und Strukturen direkte Gewalt hervorbringen und reproduzieren.

Galtungs Gewaltverständnis wurde oft kritisiert, vor allem die damit verbundene Ausweitung und mangelnde Schärfe des Begriffs, sowie die mangelnde Operationalisierbarkeit. Dennoch bleibt als wichtige Erkenntnis, dass es nicht ausreicht, Gewalt lediglich als zwischen­menschliche Handlung – als Verhalten – zu begreifen. Es müssen auch religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Legitimationssysteme und gesellschaftliche Strukturen berücksichtigt werden, wenn es darum geht, Gewalt als komplexes Phänomen zu verstehen.

Das Dreieck der Gewalt Galtung 1993

Dreieck der Gewalt

Der Gewaltbegriff der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
Die WHO hat in ihrem 2002 veröffentlichten „World Report on Violence and Health“ eine detaillierte Typologie von Gewalt vorge­legt, in der Gewalt verstanden wird als: „Der absichtliche Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, die entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklungen oder Deprivation führt.“

Diese Definition umfasst zwischenmenschliche Gewalt ebenso wie selbstschädigendes oder suizidales Verhalten und bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Gruppen und Staaten.

Merkmale gewaltsamen Handelns

  1. Ausüben physischer Kraft (Gewalt).
  2. Schädigungsintention des Täters.
  3. Verletzung der körper­lichen Integrität des Opfers.
  4. Verletzung grundlegender

Rechte einer Person. Gewalt lässt sich so definieren als Handlungen, deren Ergebnis die Verletzung grundlegender moralischer Rechte von Personen ist. Moralisch relevante Fälle derart definierter Gewalt sind solche, in denen der Täter absichtsvoll oder im Wissen um das Ergebnis seines Tuns handelt.
Daniel Meßelken: „Gewalt“ aus philosophischer Perspektive. Leipzig 2007, Beitrag zur Tagung des AK
Theorie der AFK vom 3-5. Juli2007 in Loccum, S. 11 f., Auszüge.

Eine konkrete Typologie von Gewalt bietet einen analytischen Bezugsrahmen und identifiziert konkrete Ansatzpunkte für Gewaltprävention (vgl. M7). Sie gliedert Gewalt in drei Kategorien, die darauf Bezug nehmen, von wem die Gewalt ausgeht bzw. zwischen wem Gewalt stattfindet: Gewalt gegen die eigene Person, interpersonelle Gewalt und kollektive Gewalt.

Als Gewalt gegen die eigene Person gelten suizidales Verhalten und Selbstschädigung. Die interpersonelle Gewalt gliedert sich in Gewalt in der Familie und unter Intimpartnern, sowie in von Mitgliedern der Gemeinschaft ausgehende Gewalt. Kollektive Gewalt bezeichnet die gegen eine Gruppe oder mehrere Einzelpersonen gerichtete instrumentalisierte Gewaltanwendung durch Menschen, die sich als Mitglieder einer anderen Gruppe begreifen und damit politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Ziele durchsetzen wollen. Hierunter zählen auch Bürgerkriege und Kriege.

Das Gewaltverständnis der WHO erscheint z.Z. am differenziertesten und am weitesten entwickelt. Es setzt sich zudem als akzeptierter Gewaltbegriff bei internationalen Organisationen oder Gremien zunehmend durch. 

Die Gewaltbegriffe von Galtung und der WHO sind nicht alternativ zu sehen, sondern ergänzen sich gegenseitig. So erscheint es wichtig, der WHO-Typologie insbesondere die Dimension der kulturellen Gewalt hinzuzufügen bzw. deren Bedeutung stärker zu betonen.

Interpersonale Gewalt
Personale Gewalt meint „die beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person“ (Kunczik, 1998, S. 13; vgl. Scheithauer, 2003). Der Begriff der interpersonalen Gewalt bezieht sich noch spezifischer auf das gewalttätige Verhalten einer oder mehrerer Personen gegenüber einer/ mehrerer anderer Personen. Interpersonale Gewalt wird beispielsweise nach Kruttschnitt (1994) durch drei Elemente gekennzeichnet:

  • Verhaltensweisen einer oder mehrerer Personen, die zu einer körperlichen Schädigung führen, diese androhen oder versuchen. Die Gewalttat an sich muss demnach nicht tatsächlich ausgeführt werden oder erfolgreich sein.
  • Intention körperlicher Schädigung (ausgeschlossen wird somit Fahrlässigkeit und Rücksichtslosigkeit).
  • Vorhandensein einer oder mehrerer Personen (Opfer), gegen die sich die Verhaltensweisen richten (Scheithauer, 2003).

Herbert Scheithauer/Charlotte Rosenbach/Kay Niebank: Gelingensbedingungen für die Prävention von interpersonaler Gewalt im Kindes- und Jugendalter. Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention. Bonn 2008, S. 7.

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