Gewaltprävention in der Schule

Von Einzelmaßnahmen zu einem Gesamtkonzept

In Theorie und Praxis sind unzählige Einzelmaßnahmen zu finden, die in der Regel unverbunden nebeneinander stehen. Der Schlüssel zur Gewaltprävention ist, zu einem schulspezifischen Gesamtkonzept zu kommen. Dabei geht es darum, bewährte Modelle und Maßnahmen so miteinander zu verknüpfen und durch schulspezifische Maßnahmen zu ergänzen, dass sie sich sinnvoll ergänzen. (Wesentliche Elemente hierfür sind in Kap. 5, Instrumentarium beschrieben. Vgl. auch M5.)

Gut vorbereitet? Leider sind unsere Lehrer auf all das bislang nicht vorbereitet. Sie sind ausgebildet als Wissensvermittler, sie müssen Lehrpläne durchpauken, Stoff anbringen, Leistung abfragen. Dass sie oft das Versagen von Eltern ausgleichen müssten und die Kinder nicht nur bilden, sondern auch erziehen sollten, das ist im deutschen Schulsystem gar nicht vorgesehen. Wir brauchen eine ganz andere Idee von Schule. Der Unterricht würde nicht nur später, sondern vielleicht mit einer Sportstunde beginnen. Schule wäre ein Ort, an dem soziales Verhalten, Kommunikation erlernt würde; die Lehrer würden vielleicht auch auf die unterschiedlichen Bedürfnisse von Migranten, von Jungen und Mädchen antworten können. Damit erst kann das Lernen beginnen.
Berliner Zeitung, 31.3.2006

Gewaltprävention in der Schule

Gefahr der Entgrenzung
Angesichts des erkennbaren Risikos einer Entgrenzung der Gewalt- und Präventionsbegriffe, des Verständnisses von Gewalt und Gewaltprävention im Kindes- und Jugendalter, empfiehlt der DJI-Bericht ein altersgerechtes, kinder- und jugendspezifisches Verständnis von Gewalt und ein enges Verständnis von Gewaltprävention. Dabei erscheint es auch wichtig, aus der Perspektive beteiligter Kinder oder Jugendlicher die Frage der Tolerabilität von Gewalthandlungen zu entscheiden, die oftmals von diesen als normale bzw. akzeptable Formen des körperlichen Ausraufens von Statuspositionen und Austestens von Grenzen der Fairness oder schlicht des Ausagierens von Lebendigkeit empfunden werden oder aber auch Ausdruck unterschiedlicher sozialer und kultureller Milieus sind. Formen legitimer und illegitimer Gewalt müssen gerade im Kindes- und Jugendalter erst erfahren und gelernt werden. Die bewusste Auseinandersetzung mit Gewalt und Gewalterfahrung stellt einen unverzichtbaren Bestandteil der pädagogischen Praxis mit Kindern und Jugendlichen dar. Die Weiterentwicklung der Gewalt- wie der Kriminalprävention allgemein unter einem „großzügigen Verständnis“ hat dazu geführt, zunehmend Handlungsfelder als Gegenstand der Kriminalprävention zu vereinnahmen, die zuförderst als Aufgabe etwa der Schule oder aber der Kinder- und Jugendhilfe zu sehen sind und durch eine kriminalpräventive Qualifizierung negative Effekte auslösen. Deshalb betrifft eine der Haupt­forderungen im Bericht des DJI, von Kriminal- bzw. Gewaltprävention nur dann zu sprechen, wenn es tatsächlich und plausibel nachvollziehbar bzw. empirisch belegt einen Zusammenhang zwischen Maßnahme bzw. Initiative und der Verhinderung von Gewalt bzw. Kriminalität gibt. Ohne Not werden vielfach Zielgruppen diskriminiert und in einer Weise stigmatisiert, die Akzeptanz, Bereitschaft zur Mitwirkung respektive Mitgestaltung nachhaltig belastet.

DFK: Beitrag des DFK zum Bericht der AG „Entwickung der Gewaltkriminalität junger Menschen mit einem Schwerpunkt auf Ballungsräumen“, Forschungsbefunde. In: Bund-Länder AG: Entwickung der Gewaltkriminalität junger Menschen mit einem Schwerpunkt auf städtischen Ballungsräumen. Bericht zum IMK-Herbstsitzung 2007, S. 812 ff.

Individuelle und Klassenebene
Auf der individuellen und Klassenebene zielen die Maßnahmen darauf ab, das Verhalten einzelner Schülerinnen und Schüler oder von ganzen Klassen positiv zu beeinflussen. Hierzu gehören individuelle Förderangebote, Möglichkeiten der Mitgestaltung und Mitbestimmung sowie die Förderung von Kommunikation und Konfliktfähigkeit ebenso wie soziale Kompetenztrainings, Bus-Begleitung, Klassenrat, Klassenvertrag, Mentorenprogramme, Angebote im Bereich des Service-Lernen, Konfliktsprechstunden, Streitschlichterprogramme usw.

Qualifizierung von Lehrkräften
Eine Qualifizierung der Lehrkräfte im Bereich Gewaltprävention ist unabdingbar. Hierzu reicht ein jährlicher Pädagogischer Tag nicht aus. Spezifische Weiterbildungsprogramme für die Felder Konfliktbearbeitung und Gewaltprävention müssen mindestens vier Kompetenzbereiche abdecken:

  • Diagnosekompetenz im Sinne von Früherkennung von Hinweisen auf mögliche Gefährdungen;
  • Kompetenzen im Umgang mit eigener und fremder Aggression und Gewalt;
  • Kompetenzen für den konstruktiven Umgang mit Konflikten;
  • Kompetenzen für die Implementierung von Präventionsmaßnahmen.

Diagnosekompetenz bedeutet, Hinweise auf Problemlagen Jugendlicher und damit verbundene Gefährdungen zu erkennen und dabei aber jugendtypische entwicklungsbedingte Verhaltensweisen zu verstehen und Stereotypisierungen zu vermeiden. Dies können z.B. Hinweise auf Gefühle der Isolation, der Verzweiflung und auf sozialen Rückzug sein; mangelnde Toleranz gegenüber Anderen oder auch unkontrollierte Wut, die in keinem Verhältnis zum Anlass zu stehen scheint usw.

Der Umgang mit eigener und fremder Aggression ist ein Schlüsselbereich für gelingendes Erziehungsverhalten. Lehrerinnen und Lehrer sind Verhaltensmodelle für Schülerinnen und Schüler. Sie können zeigen, wie emotional belastende Situationen, auch ohne Rückgriff auf aggressives Verhalten, bewältigt werden können. Wissen über den Verlauf und die Dynamik von Konflikten, verbunden mit spezifischem Know How über (eigene und fremde) Verhaltensweisen in eskalierenden Konfliktsituationen stellen eine wichtige Basis dar, um zu verhindern, dass Konflikte in eine Eskalationsdynamik geraten. Denn Konflikteskalation die nicht kontrolliert und gestoppt werden kann, bedeutet eine Zunahme der Gefahr von Gewaltanwendung. Eine Erhöhung der Konfliktlösungskompetenz und der Fähigkeit zum Konfliktmanagement wirkt sich dann unmittelbar gewaltreduzierend aus, wenn diese Verhaltensweisen nicht auf einzelne Lehrerinnen und Lehrer beschränkt bleiben, sondern Teil eines allgemeinen Lehrerverhaltens und eines schulischen Konfliktmanagementsystems werden.

Kenntnisse über effektive Ansätze der Gewaltprävention und ihrer Implementierung in der eigenen Schule sind unabdingbar, um ein schulisches oder gar kommunales Gesamtkonzept zu entwickeln. Es ist deshalb sinnvoll, dass in jedem Kollegium mehrere Lehrkräfte über eine fundierte Weiterbildung (etwa in Mediation oder Gewaltpräventionsberatung) verfügen und als Steuerungsgruppe für Gewaltprävention fungieren. Für die Implementierung eines Gewaltpräventionsprogrammes an einer Schule scheint es wichtig zu sein, das gesamte Kollegium im Rahmen von schulinterner Lehrerfortbildung bzw. spezifischen Pädagogischen Tagen einzubeziehen, um Grundwissen zu vermitteln. Noch wichtiger ist jedoch, dass die Schulleitung Maßnahmen der Gewaltprävention nicht nur duldet, sondern zur Chefsache macht.

Insbesondere sollte das Ziel spezifischer Weiterbildungen auch sein, isoliertes Arbeiten zu überwinden und Teams (als Tandems oder auch als größere Teams) zu etablieren, die sich gegenseitig kollegial beraten und als Gesprächspartner zur Verfügung stehen. Denn Gewaltprävention darf nicht isoliert vom übrigen Unterrichtsgeschehen verstanden werden.

Wirkende Gewaltprävention Wirkende Gewaltprävention braucht ein kontinuierliches und breit gestreutes Tun, so dass das Engagement nicht Einzelnen und dem Zufall anheim gestellt sein kann. Gewaltprävention sollte deshalb sowohl noch stärker als Teil der Schulsystemstruktur etabliert, als auch von Ministerien, Fachaufsichten und Schulleitungen verpflichtend als zu fördernder inhaltlicher Bereich festgelegt werden. Die Verankerung von Gewaltprävention in die Schulsystemstruktur kann beispielsweise auch heißen, dass regional Fachstellen oder Fachreferenten für Gewaltprävention bestimmt und bezahlt werden.
Ottmar Hanke: Strategien der Gewaltprävention an Schulen. In: Deutsches Jugendinstitut, Arbeitsstelle Kinder und Jugendkriminalitätspräven­tion (Hrsg.): Strategien der Gewaltprävention im Kindes- und Jugendalter. Eine Zwischenbilanz in sechs Handlungsfeldern. München 2007, S. 126.

Auf der Schulebene
Auf der Schulebene geht es darum, die Rahmenbedingungen für effektiven Unterricht und gelingendes soziales Zusammenleben zu gestalten. Eine Bestandsaufnahme über die Problembereiche und Ressourcen dient dazu einschätzen zu können, wo welcher Handlungsbedarf besteht.

Vor diesem Hintergrund können gezielt Maßnahmen entwickelt und umgesetzt werden, die ihrerseits einer permanenten Eva­luation bezüglich ihrer Wirkung unterzogen werden müssen. Die Zusammenarbeit mit externen Fachberatern, dem schulpsychologischen Dienst, polizeilicher Kriminalprävention oder auch universitären Einrichtungen ist hierbei äußerst hilfreich.
Wichtige Instrumente für ein Programm Gewaltprävention können u.a. sein:

  • Die Entwicklung einer kooperativen Schulordnung.
  • Der Aufbau eines schuleigenen Konfliktmanagementsystems (vgl. Kap. 3.4).
  • Die Implementierung von Peer-Mediaton/Schüler-Streit-Schlichtung.
  • Umstellung auf eine Ganztagsschule mit entsprechenden Ange­boten an Arbeitsgemeinschaften und Freizeitprogrammen
  • Demokratisierung der Schule durch vielfältige Möglichkeiten der Beteiligung und Mitentscheidung (vgl. Kap. 3.5).
  • Ausbau und Aufwertung des Sport-, Spiel- und Bewegungsangebotes.
  • Die Entwicklung von Krisenmanagement- und Notfallplänen für extreme Gewaltsituationen (vgl. Kap. 4.5).
  • Optimierung der baulichen Gegebenheiten.

Einbeziehung der Eltern
Die Einbeziehung von Eltern in Gewaltpräventionsprogramme ist unverzichtbar. Dies betrifft sowohl die Unterstützung und Hilfe für Problemfamilien zur Stärkung ihrer Ressourcen als auch die Zusammenarbeit mit und den Zugang von Eltern zum Schulbereich. Unkomplizierte Kontakte zu Lehrkräften, Unterstützungsleistungen von Eltern für schulische Belange und mehr Möglichkeiten für Eltern, verantwortliche Rollen in der Schule zu übernehmen, haben sich nicht nur nach Studien der Weltgesundheitsorganisation als effektiv für Gewaltprävention und insbesondere für die Reduzierung von Jugendgewalt erwiesen.

Gewaltprävention als Schulentwicklung
Gewaltprävention in der Schule wird in der wissenschaftlichen Diskussion, aber auch in der Praxis zunehmend in Kombination mit bzw. als Teil von Schulentwicklung verstanden. Dabei wird Gewalt in der Schule nicht als individuelles Fehlverhalten be­griffen, sondern als Hinweis auf vorhandene Problemfelder. Ziel von Schulentwicklungsprozessen ist die planmäßige Veränderung und Weiterentwicklung von Unterricht und Erziehung durch die Eigeninitiative der Mitglieder der Institution Schule (Schüssler 2003). Als Handlungsfelder innerer Schulentwicklung werden z.B. vom Kultusministerium in Baden-Württemberg (2003, S. 21) gesehen:

  • Innovative Unterrichts- und Erziehungsformen unter Berücksichtigung sozialen Lernens.
  • Verbesserung der Kommunikation in der Schule.
  • Verstärkte Zusammenarbeit von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern.
  • öffnung der Schule.

Maßnahmen der Gewaltprävention werden so in ein umfassendes Konzept von Schule integriert, bei dem Schülerinnen und Schüler beteiligt werden.

Was Schüler wollen

  • Schüler wollen, dass Gewalt gestoppt wird.
  • Sie wollen Lehrkräfte und Mitarbeiter an Schulen, die sie begleiten, akzeptieren, die ihre Rechte respektieren und die ihnen helfen, konstruktiv ihr persönliches Potenzial zu entwickeln.
  • Sie wollen Lehrkräfte und Mitarbeiter an Schulen, die ihnen helfen, miteinander zurecht zu kommen und gegenseitigen Respekt und Empathie zu entwickeln.
  • Sie wollen, dass ihre Eltern und andere Erwachsene konstruktive Rollen in ihrer Erziehung spielen, gewaltfreie Schulen fördern und unterstützen und ihnen ein gewaltfreies Zuhause und Gemeinwesen bieten.
    United Nations: World Report on Violence against Children. Geneva 2006, S. 153 ff. www.violencestudie.org/a55, S. 164.

Verbesserung der Information und Koordination
Spezifische Internetangebot zur Gewaltprävention an der Schule können zur schnellen Kommunikation und Information von Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern und Eltern dienen. Sie können über das vorhandene Unterstützungsangebot vor Ort informieren, Hintergrundinformationen und einschlägige Materialien anbieten und auch erste Informationen bei Problemlagen bereitstellen (vgl. die Internetseite des Runden Tisches Gewaltprävention Tübingen www.gewaltpraevention-tue.de).

Kooperation vor Ort
Auf örtlicher Ebene ist die Kooperation und Koordination von Maßnahmen der Gewaltprävention durch sog. „Runde Tische“ oder andere Formen äußerst sinnvoll. An vielen Orten wurden inzwischen solche „Runde Tische gegen Gewalt“ gegründet. Hier arbeiten Eltern, Lehrkräfte, Vertreterinnen und Vertreter von Vereinen und Verbänden, Jugendhilfeeinrichtungen und die örtliche Polizei zusammen.
Um die Arbeit der Schule im Bereich Gewaltprävention regional zu koordinieren, wurden verschiedentlich Kontaktbüros zu Fragen der Gewaltprävention eingerichtet. Die Aufgabe dieser Büros ist es, potenzielle Partner zu vernetzen, Synergieeffekte zu fördern, Fortbildungen anzubieten usw. überregionale Netzwerke dienen dazu Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Kampagnen zu planen.

Typische Probleme
In der Praxis gibt es zahlreiche typische Probleme bei der Einfüh­rung schulischer Gewaltprävention (Schubarth 2000, S. 185):

  • das Problem der Mobilisierung: wie kann man die Mitglieder der Schulgemeinschaft dazu bringen sich mit dem Thema langfristig zu befassen?
  • die relative hohe Belastung der Lehrkräfte;
  • die Folgenlosigkeit einmaliger Veranstaltungen (z.B. Pädagogischer Tage);
  • Probleme des mangelnden Konsenses innerhalb der Lehrerschaft;
  • das Fehlen von Prozesshelfern (z.B. Experten, Moderatoren, Berater);
  • das Problem der Einbeziehung und der Motivierung der Schülerschaft und Eltern und das Problem, dass mit den Projekten gerade die gewalttätigen Schüler meist nicht erreicht werden.

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