Gewalt an Schulen

Ursachen und Risikofaktoren schulischer Gewalt

Die Ursachen schulischer Gewalt sind vielschichtig. Die Frage, ob schulische Gewalt „importierte Gewalt“ ist bzw. welchen Anteil und Einfluss die Schule selbst auf die Entstehung und Verbreitung schulischer Gewalt hat, spielt bei der Diskussion der Ursachen eine wichtige Rolle. Dass Gewalt an der Schule sowohl schulexterne als auch schulinterne Ursachen hat, ist in Wissenschaft und Forschung unbestritten. 

In der amerikanischen Forschung wurden vor allem folgende Risikofaktoren identifiziert (Klewin u.a. 2002, S. 1089):

  • Persönlichkeitsmerkmale: Antisoziale Orientierungen, Impul­sivität, die eigene Geschichte des aggressiven Verhaltens, mangelnde Empathie und niedrige Frustrationstoleranz.
  • Faktoren in der Familie: Familiäre Armut, geringe emotionale Bindung an die Eltern, Erfahrung von Gewalt in der Familie, hoher Medienkonsum.
  • Schulische Faktoren: Schulischer Misserfolg, eine geringe Bindung an die Schule und ein negatives Schulklima.

Täter- und Opfererfahrungen von Schüler und Schülerinnen

  • Faktoren in der Gemeinde: Regionale Armut, Präsenz von Banden/ Gangs in der Nachbarschaft, hohe Verbrechensraten und die Verfügbarkeit von Drogen und Waffen.
  • Häufig sind diese Merkmale der jugendlichen Lebenssituation mit der Zugehörigkeit zu bestimmten ethnischen Gruppen verknüpft.

Olweus (1996) sieht vier Faktorenkomplexe, die die individuelle Entwicklung während des Aufwachsens ungünstig beeinflussen können: mangelnde emotionale Zuwendung der Eltern, mangelnde Grenzsetzungen durch die Bezugspersonen bei aggressivem Verhalten, körperliche und andere „machtbetonte Erziehungsmittel“ sowie ein „hitzköpfiges“ Temperament des Kindes.

Schäfer und Korn (2002) referieren die in der Forschung genannten Ursachenfaktoren:

Innerschulische Faktoren:

  • Pädagogische Qualität der innerschulischen Lern- und Erzie­hungsumwelt;
  • schwindende Erziehungskompetenz der Lehrer;
  • zu starke Betonung von Aspekten der Wissensvermittlung bei Ver­nachlässigen einer werteorientierten Bildung, dadurch schlechtes Lehrer-Schüler-Verhältnis;
  • Lehrer sind dem Phänomen „Gewalt zwischen Schülern“ nicht gewachsen.

Personale Faktoren:

  • Täter und Opfer erleben die sozialen Dimensionen des Schulall­tags belastender und konflikthaltiger als die sozial kompetenten Schüler;
  • niedrige Hemmschwelle;
  • mangelnde sprachliche Kompetenz, Fehlen einer kommunika­tiven Streitkultur und häufiger Konsum von Horror-, Kriegs- und Sexfilmen;
  • die „Gewaltkarrieren“ mancher Jugendlicher hören nicht bei Schulschluss auf, Jugendgewalt ist außerhalb von Schulen häu­figer als in den Schulen.

Familiäre Faktoren:

  • Gewalterfahrungen der Kinder und Jugendlichen im Elternhaus, die diese selbst erlebt bzw. bei den Eltern beobachtet haben;
  • Arbeitslosigkeit eines Elternteils;
  • negatives emotionales Klima in der Familie.

Anerkennung gewinnen Leistungsversagen, schlechter schulischer Leistungsstand, häufige Versetzungsgefährdungen, Klassenwiederholungen und ein Zurückbleiben hinter den eigenen und/oder elterlichen Erwartungen stellen Risikofaktoren erster Ordnung für Gewalt dar.

Aggressivität und Gewalt zeigen sich also vor allem bei den Schülerinnen und Schülern, die eine Anpassung an die vorherrschenden Wertvorstellungen angestrebt haben. Erst nachdem sie erleben mussten, dass sie nach Befolgung dieser Wertvorstellungen keinen Leistungserfolg und nicht die erwünschte Note erhalten können, haben sie sich von ihnen abgewendet und versucht, a uf andere Weise Anerkennung zu gewinnen.
Vgl. Klaus Hurrelmann/ Heidrun Bründel: Gewalt an Schulen. Pädagogische Antworten auf eine soziale Krise. Weinheim und Basel 2007, S. 104 ff., Auszüge.

Auch der jeweilige schulische Kontext kann sich als besonders ge­waltfördernd erweisen. Es zeigt sich, „dass vor allem das Sozialklima einer Schule erheblichen Einfluss ausübt: Fehlende Anerkennung bei Mitschüler(innen), etikettierendes und restriktives Verhalten der Lehrkräfte, scharfe Konkurrenz zwischen den Heranwachsenden hängen eng mit ihrem Gewaltverhalten zusammen“ (Tillmann u.a. 1999).

Des Weiteren sind verschiedene spezifische schulische Eigenheiten nicht ganz unproblematisch: Die prinzipielle Gehorsamkeits- und Wohlverhaltensanforderungen der Schule und ihrer Lehrkräfte steht im Widerspruch zu den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler nach Selbstbestimmung, Spaß haben und Ausagieren. Dies führt vor allem dann zu Konflikten, wenn Heranwachsende – insbesondere in der Pubertät – schuldistanzierte und abweichende Identitäten präsentieren und dabei auch Gewaltverhalten zeigen.

Die Klassen- und die Schulgröße hingegen scheint für die Aggression von Jugendlichen kaum bedeutsam. Die pauschale Forderung kleinerer Klassen trägt deshalb kaum zur Aggressionsverhütung bei.

Lösel (2003, S. 5 ff.) weist darauf hin, dass monokausale Erklärungsweisen nicht ausreichen würden. Es müssten vielfältige bio-psycho-soziale Einflüsse berücksichtigt werden. So erhöhen z.B. häusliche Gewalterfahrungen das Risiko aggressiven Verhaltens deutlich, der Kreislauf ist aber keineswegs geschlossen. Ein Großteil der Menschen mit solchen Erfahrungen wird nicht gravierend auffällig, und umgekehrt kommen viele Gewalttäter aus einem nicht besonders aggressiven Milieu.

Insgesamt kann und darf schulische Gewalt jedoch nicht losgelöst vom Level gesellschaftlicher Gewalt gesehen werden. Ansteigende Gewalt an Schulen steht immer auch in Korrelation mit ansteigender Gewalt in der Gesellschaft.

Selbst wenn man, wie oben dargestellt, nicht davon ausgehen kann, dass, statistisch gesehen, Gewalt in Schulen immer dramatischere Formen annimmt, wobei dies in spezifischen Schulen durchaus der Fall sein kann, ist das jeweils vorfindbare Aggressions- und Gewaltniveau Anlass genug, sich intensiv damit auseinander zu setzen.

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