Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention II. Für die Sekundarstufe und die Arbeit mit Jugendlichen. Grundlagen – Lernfelder – Handlungsmöglichkeiten. Institut für Friedenspädagogik, Tübingen 2010 / WSD Pro Child e.V.
Gewalt verhindern lernen
Während der erste Band des Handbuchs für die Grundschule und die Arbeit mit Kindern gedacht war, setzt der zweite Band den Schwerpunkt bei der Sekundarstufe und der Jugendarbeit. Vorbildlich hat Günther Gugel ein Werk geschaffen, das alle wesentlichen Themen der Gewaltprävention aufgreift. Das reicht vom Gewaltbegriff und der Gewalt an Schulen über Schulentwicklung und Konfliktbearbeitung bis hin zum Thema Zivilcourage lernen, Rechtsextremismus und Amoklauf.
Jeder der 19 Bausteine des Buches ist in sich abgeschlossen, bietet Informationen, Arbeitsimpulse, Materialien und Arbeitsblätter, Vorschläge zu Experimenten, Aktionen und Trainingselementen. Die farbliche, fotogestützte und hochwertige Aufmachung lädt zum Blättern und Entdecken ein. Das Handbuch unterstützt alle sehr fundiert, die Gewaltprävention mit jungen Menschen betreiben wollen.
Norbert Copray, Publik-Forum, Nr. 1/2010, S. 57.
Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention II. Für die Sekundarstufe und die Arbeit mit Jugendlichen. Grundlagen – Lernfelder – Handlungsmöglichkeiten. Institut für Friedenspädagogik, Tübingen 2010 / WSD Pro Child e.V.
Ein handliches Buch ist dieser Band nicht gerade – mit zwei Kilo Grundgewicht und einem Umfang von 736 Seiten empfiehlt es sich nicht für eine kursive Lektüre. Günther Gugel ist durch einschlägige Publikationen ausgewiesen; sein erstes “Handbuch Gewaltprävention für die Grundschule” (Tübingen 2008) gibt den Grundriss auch für diesen neuen Band vor. Es ist ein umfassendes Konzept: 19 Kapitel – hier etwas pathetisch “Bausteine” genannt - decken das gesamte Feld der Gewaltprävention ab. Ein Problemaufriss führt jeweils in die Kapitel ein; sie werden mit Hintergrundinformationen und einer knappen didaktischen Skizze verbunden, an die sich Materialien anschließen, die im Unterricht oder in der Jugendarbeit direkt eingesetzt werden können. Der Autor ist in der praktischen Erziehungsberatung tätig, unter anderem als Berater des “Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden”, das eine Sonderauflage dieses Handbuchs anbietet.
Das Stichwort “Konstruktive Konfliktbearbeitung” (Kapitel 3.4) umreißt Gugels gründlichen Ansatz: Gewaltprävention sei erst dann erfolgreich, wenn sie Täter wie Opfer einbezieht, individuelle und gesellschaftliche Konfliktpotenziale verknüpft und ein Regelsystem entwickelt, auf das sich alle Konfliktparteien einigen können. (...)
Im Anhang werden die wichtigsten Maßnahmen und Methoden der Konfliktbearbeitung als “Instrumentarium” alphabetisch knapp skizziert; ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis rundet das Handbuch ab. Vergeblich allerdings sucht man ein Stichwortverzeichnis, das in diesem umfangreichen Handbuch das schnelle Auffinden von Begriffen erleichtert hätte.
Insgesamt ist dieses “Handbuch Gewaltprävention” absolut empfehlenswert; in jedem Lehrerzimmer, in jedem Zentrum für Jugendarbeit sollten mehrere Exemplare davon zur Verfügung stehen.
Wolfgang Pasche, Januar 2010
Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention II. Für die Sekundarstufe und die Arbeit mit Jugendlichen. Grundlagen – Lernfelder – Handlungsmöglichkeiten. Institut für Friedenspädagogik, Tübingen 2010 / WSD Pro Child e.V.
Das äußerst anschauliche und umfangreiche Werk gliedert sich in 19 Kapitel. Diese Bausteine von theoretischen Grundlagen und sinnvollen Praxistipps inklusive Kopiervorlagen ergänzen sich und bauen aufeinander auf. Zentrale Aspekte von Gewaltprävention werden aufgegriffen und für den Einsatz in Schule und Jugendarbeit aufbereitet. Mit Tipps und Tricks für die Praxis werden Handlungsmöglichkeiten in Gewaltsituationen aufgezeigt. Hierzu gehören die Bereiche Zivilcourage, Mobbing, rechtsextremistische Gewalt sowie Amoklauf an Schulen. Das Buch ist ein guter Ratgeber für diejenigen, die aktiv die sozialen Probleme in Schule und ihren Umwelten angehen wollen.
Junglehrer. Zeitschrift der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Junglehrer im BLLV, Heft 6/2009, S. 8.
Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention II. Für die Sekundarstufe und die Arbeit mit Jugendlichen. Grundlagen – Lernfelder – Handlungsmöglichkeiten. Institut für Friedenspädagogik, Tübingen 2010 / WSD Pro Child e.V.
Gugel (zuletzt BA 3/04) klärt ausführlich Begriffe und Grundlagen zum Problem der Gewalt in der Schule. Dann zeigt er, wie sich Konfliktbearbeitung und Gewaltprävention in den Schulalltag, den Unterrichtsverlauf der Sekundarstufen und den gesamten Prozess der Schulentwicklung integrieren lassen. Jedes Kapitel beginnt mit einer Einführung in den Diskussionsstand zum jeweiligen Thema, dann folgen überlegungen zur Umsetzung in die pädagogische Praxis sowie ausgearbeitete Materialien für den Unterricht, die Elternarbeit und die Bearbeitung der Thematik im Lehrer-Kollegium. Am Schluss des Handbuchs eine übersicht über wichtige Methoden und Maßnahmen, ein ausführliches Literaturverzeichnis und eine Internetadressen-Liste. Nach dem für die Grundschule gedachten 1. Band "Handbuch Gewaltprävention" (hier nicht angezeigt, ISBN 978-3-932444-22-7) eine weitere ausführliche, inhaltlich fundierte und für die pädagogische Praxis sehr hilfreiche Aufarbeitung der komplexen Problematik, mit zahlreichen Fotos, abwechslungsreichem Druckbild u.a.m. auch sehr ansprechend aufgemacht. Grundlegend für alle Pädagogen. (2 S)
Reinhold Heckmann
ID bzw. IN 04/10 Veröffentlichungsdatum ist der Montag der angegebenen Kalenderwoche (ID/IN Woche)
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Günther Gugel: Handbuch Gewaltprävention II. Für die Sekundarstufe und die Arbeit mit Jugendlichen. Grundlagen – Lernfelder – Handlungsmöglichkeiten. Institut für Friedenspädagogik, Tübingen 2010 / WSD Pro Child e.V.
Nach dem ersten Band von 2008, der das Thema für Grundschulen aufbereitet, widmet sich der Leiter des Tübinger Instituts für Friedenspädagogik nun der Arbeit mit Jugendlichen, wiederum (hauptsächlich) an Schulen, diesmal also an den Sekundarstufen.
Um es gleich vorweg zu nehmen, das neue Buch des Spezialisten für das Thema „Gewalt an Schulen“ ist ein großer Wurf. Es gelingt Gugel, das Niveau des aktuellen Forschungsstands mit sehr guter Lesbarkeit und hoher praktischer Brauchbarkeit zu verbinden.
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Eine nicht unerhebliche Rolle spielt dabei die sehr gelungene (typo)graphische Gestaltung. Übersichtliche, auch optisch gut strukturierte Texte werden durchgehend ergänzt durch Informationskästen, ansprechende Grafiken und eine Vielzahl von unaufdringlichen, das Thema bereichernden Bildern. Die dezente Farbigkeit und gut bemessene Randgebung tun ein Übriges. Solide gebunden ist der fast zwei Kilo schwere Band auch – es macht Spaß, in diesem Buch zu lesen.
Entscheidend ist aber natürlich der Inhalt, und hier vermag das Werk erst recht zu überzeugen. Diese Veröffentlichung ist eine echte Schatzkammer. Zwanzig Kapitel, gegliedert in vier Schwerpunkte mit hunderten von Materialseiten, decken den Themenbereich ab. Dabei widmen sie sich auch Aspekten, die ich nicht unbedingt erwartet hätte, die aber im Kontext „Gewalt“ unmittelbar einleuchten, wie „Demokratie und Werteerziehung“, „Interkulturelles Lernen“ und „Rechtsextremismus“, die jeweils ein eigenes Kapitel erhalten. Natürlich fehlt das Erwartete nicht, Kapitel z.B. zu Kommunikation, gewaltfreien Schul- und Unterrichtsstrukturen oder Konfliktbearbeitung. Einen eigenen Schwerpunkt bildet das „Handeln in Problem- und Gewaltsituationen“, zu dem unter anderem die Kapitel „Zivilcourage Lernen“, „Verhalten in akuten Gewaltsituationen“, „Mobbing“ und „Amoklauf an Schulen“ gehören. Dieser Schwerpunkt thematisiert mit dem Einbezug der Eskalations- und der anschließenden Deeskalationsphase von Konflikten auch Prävention im weiteren Sinne (Sekundär- und Tertiärprävention).
Der Umgang mit der großen Stofffülle wird erleichtert durch eine klare und sinnvolle Struktur. Jedes Kapitel enthält nach einem Problemaufriss eine gründliche Einführung in die zentralen Fragestellungen, oft angereichert mit einer kurzen Vorstellung der wichtigsten aktuellen Forschungsergebnisse. Es folgt jeweils ein Materialteil mit in der Regel 15-20 Kopiervorlagen. Dabei handelt es sich überwiegend um direkt einsetzbare Arbeitsblätter mit konkreten Bearbeitungsaufträgen, es ist jedoch in den meisten Fällen sinnvoll, den Informationsteil des Kapitels zu kennen. Daneben finden sich – vor allem für die Arbeit im Kollegium oder mit Eltern – auch reine Informationstexte. Besonders interessant sind gelegentliche Originaltexte wie der offene Brief der Lehrer der Berliner Rütli-Schule, der 2006 durch die Presse ging, oder ein Zeitungsartikel mit Forderungen der Opferfamilien von Winnenden nach schulpolitischen Konsequenzen aus dem Amoklauf.
Die Materialien zeichnen sich durch ihre überlegte Auswahl und hohe Brauchbarkeit aus. Statt der in kommerziellen Ratgebern oft anzutreffenden oberflächlichen Abdeckung möglichst vieler der vom Käufer vermeintlich erwarteten Aspekte zeigt sich hier die Sachkompetenz einer pädagogischen Forschungseinrichtung.
Sehr fruchtbar scheint mir der weite Horizont, der dem Handbuch zugrunde liegt. Es richtet sein Augenmerk nicht allein auf die einzelnen Gewaltphänomene, sondern bezieht soziale, schulische und gesamtgesellschaftliche Verhältnisse mit ein. Anstelle fruchtloser Klagen über eine von Gewalt geprägte Welt und ihre Wirkung auf junge Menschen gelingt es Gugel jedoch, auch diese Faktoren zur Konzeption klar umrissener und in den jeweiligen Materialien handhabbar operationalisierter Unterrichtsthemen zu nutzen. Dabei wird offenkundig, dass das Phänomen Jugendgewalt von den kleineren und größeren sozialen Einheiten, in denen der einzelne sich bewegt, nicht zu trennen ist. So wird z.B. Prävention, die sich auf Verhalten in Gewaltsituationen oder bei Mobbing konzentriert, ihr Ziel nicht im gewünschten Maß erreichen, wenn sie andererseits Demokratie- und Werteerziehung oder (in vielen Fällen) interkulturelles Lernen ausblendet.
Das Literaturverzeichnis eines solchen Werks könnte bei der Vielzahl angesprochener Themen leicht ins Unüberschaubare wuchern. Auch hier jedoch bleibt Gugel sich treu und bietet eine sinnvoll reduzierte, wenngleich immer noch umfängliche Auswahl, die eine gründlichere Beschäftigung mit Teilaspekten der angesprochenen Komplexe ermöglicht. Neben einigen wenigen Klassikern wie Thoreau, Fromm oder Galtung finden sich hier vor allem viele Aufsätze, in denen Ergebnisse neuerer empirischer Untersuchungen referiert und ihre Konsequenzen diskutiert werden. Eine zweiseitige Linkliste mit Internetadressen von Aktion Tu-was! Für mehr Zivilcourage bis Weltgesundheitsorganisation zu Gewalt und Gewaltprävention komplettiert die Literaturhinweise.
Alles in allem hat Gugel so etwas wie die Quadratur des Kreises geschafft, und der Nutzen des Bands für die Präventionsarbeit an weiterführenden Schulen ist kaum zu überschätzen. Man braucht kein Prophet zu sein um vorherzusagen, dass hier ein Standardwerk entstanden ist, das noch viele Auflagen erleben wird.
4/2010 JL, www.beratungslehrer-niedersachsen.de, Jörg Lagemann
http://www.beratungslehrer-niedersachsen.de/index.php/component/content/article/53-neuigkeiten-1.html
GÜNTHER GUGEL,
Handbuch Gewaltprävention II
Für die Sekundarstufen und die Arbeit mit Jugendlichen
Grundlagen – Lernfelder – Handlungsmöglichkeiten
Institut für Friedenspädagogik e.V./WSD Pro Child e.V.
Tübingen 2010
Univ.-Prof. a.D. Dr. Herbert Ulonska, August 2010
Hatte ich schon den Band I in meiner Besprechung ausgelobt, so kann ich dieses Lob auch über den Band II des Handbuches nur fortsetzen.
Es liegt tatsächlich wieder ein ungewöhnliches Handbuch vor, „das seinesgleichen sucht“ (Begleitwort WSD Pro Child e.V.). Nicht nur die von Jan Roeder speziell für das Handbuch gemachten Fotos sind treffsicher auf die Texte bezogen und kommentieren diese in intensiver Weise, auch der Aufbau des überaus umfangreichen Materials, die Abfolge der Inhalte und die Zuordnung der einzelnen Texte zu den Themen überzeugen. Besonders die in grüner Farbe unterlegten Zitate und Kommentare ergänzen die Themenfelder.
Der Dreischritt Definition – Lernfelder – Handlungsmodelle gibt den Lesenden Hilfen mit hoher Transferqualität nicht nur für den schulischen Alltag.
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Dass sich der Seitenumfang gegenüber dem Band I vergrößert hat, wundert mich nicht; denn der Adressatenbezug auf Sek. I/II macht es nur verständlich, dass die Konfliktfelder in dieser Lebensphase umfangreicher sind als in der Primarstufe.
In den ethischen Prämissen zeigt sich, dass der Band in einem „Institut für Friedenspädagogik“ entstanden ist: „Voraussetzung für ein gelingendes Zusammenleben ist eine hohe Verlässlichkeit, dass Gewalt weder in zwischenmenschlichen Beziehungen noch im gesellschaftlichen Zusammenleben einen Platz hat, sowie dass Konflikte gewaltfrei ausgetragen werden.“ (S.9) Umso nötiger sind Strategien zur Gewaltprävention zu entwickeln, damit Konflikte auch gewaltfrei ausgetragen werden können und, als Utopie gedacht, Gewalt einmal überflüssig wird. Wenn Günther GUGEL hier besonders an Bildung und Erziehung im Bereich von Schule denkt, so ist ihm nur zuzustimmen, dass „jegliches Lernen ein angstfreies Klima“ (S.9) voraussetzt, womit natürlich nicht nur die Interaktionsebene Schüler – Schüler sondern auch die Lehrer – Schüler gemeint ist. Darüber hinaus darf der gesellschaftliche Kontext im Blick auf strukturelle Gewalt nicht vergessen werden, was schon das Foto vom „Wohnsilo“ verdeutlicht.
Auf den Seiten 11 – 20 werden die sogn. „Basics der Gewaltprävention“ vorgestellt, die sich in den Bausteinen des Handbuchs wiederholen. Dieser Wiedererkennungswert ist vor allem für die unterrichtliche Vorbereitung nützlich, da er das Strukturieren erleichtert. Die 14 Gestaltungskriterien bedenken die analytisch-diagnostische Ebene, wozu auch die Frage nach der Ressourcen- und Resilienskompetenz gehört, weiter der Konfliktraum Schule/Klasse, die Interaktionspartner, auch die Eltern und die Ebene der akzeptierten oder noch zu lernenden Normen.
Auch der Aufbau des Handbuchs zeigt sehr übersichtliche Strukturen. Sie nehmen die „Basics“ wieder auf, was überzeugend für die Geschlossenheit der Gesamtkonzeption spricht: Nach den Definitionen werden die Interaktionspartner beschrieben, dann die Handlungsorte und die konstruktiven Konfliktlösungsmittel. Ausführlich,- und das zutreffend für Jugendliche zwischen 10 – 16 Jahren, geht GUGEL auf die Normen und Werte ein, was für diese Alterstufe der Pubertät nur zu begrüßen ist.
Besonders hervorheben möchte ich die Bereiche interkulturelles Lernen, Mobbing und Zivilcourage. Dass auch „Amoklauf an Schulen“ aufgenommen ist, weist auf die hohe Aktualität des Handbuchs hin.
Wieder zeigt sich überzeugend der Dreischritt: Vom Deskriptiven über das Normative zum Handlungsmodell. Auch dem Fotografen ist es überzeugend gelungen, mit den Fotos auf S. 20 das Miteinander von Lehrenden und Lernenden positiv darzustellen.
Der Definitionsteil (S.22-221) beginnt mit den Grundlagen (S.22-37). Präzise Definitionen grenzen das Problemfeld ein und sind damit hilfreich für einen Problemlösungsweg, um nicht Erwartungen zu wecken, die zu Enttäuschungen führen können. „Gewaltprävention braucht einen differenzierten und kritischen Gewaltbegriff.“ (S.24)
Konsensfähig ist sicher das Grundmotiv von Gewaltprävention: es ist der Glaube, erwachsen aus der Erfahrung, dass es Handlungsstrategien gegen Gewalt gibt, die erlernbar (Erziehung) und auch durch „Verhaltensbeeinflussung von Personen“ (S.22) umsetzbar sind.
Wer Gewalt als Problemlösung akzeptiert, wird Präventionsbemühungen ablehnen. Könnte eine solche Haltung mit dem Defizit an Wissen über die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen zusammenhängen? Ich begrüße es sehr, dass GUGEL auch den Punkt über die Wirkung von Gewaltprävention aufgenommen hat. Ich kann dem Hinweis nur zustimmen, dass nicht die Fülle der Projekte schon auf eine Wirksamkeit hinweisen, sondern gut recherchierte Evaluationsstudien, an denen es leider noch mangelt. „Gewaltprävention arbeitet häufig theorielos und ohne Erfolgskontrolle.“ (S.26) Dabei haben wir doch jahrelang in den Fachdidaktiken die Formulierung von Lernzielen und am Ende die Lernzielkontrollen gefordert. Verkommt Unterricht zum Event oder Happening? Hat die Phase der „Spaßgesellschaft“ die Ernsthaftigkeit von Lernkontrolle relativiert? Haben wir jetzt nach „Schluss mit lustig“ (Peter Hahne) wieder die Chance Erziehungsziele und ihre Erfolge zu kontrollieren? Dem Forderungskatalog (S.26 unten) und der Mängelliste (S.27) ist nur zuzustimmen.
Kann das Phänomen der Gewalt auch Lernchancen implizieren? Eine überraschende Frage! „Gewalt nicht pauschal zu ächten, sondern als Lernchance anzunehmen ist die große Herausforderung aller pädagogischen Ansätze und Bemühungen um Gewaltprävention. Dies bedeutet nicht, sie zu akzeptieren und zu verharmlosen. Wohl aber, Gewaltprävention in erster Linie erzieherisch und als koproduktiven Prozess zu verstehen.“ (S.33) Wird z.B. im Unterricht biografisch-hermeneutisch gearbeitet und auf die jeweiligen Lebensphasen der Adressaten geachtet, vor allem auf die Übergänge wie die Pubertät, wird ein Problemlösungsverhalten in Phasen der Identitätsdiffusion so genanntem Testverhalten, zu Probiersituationen, zum Austesten von Grenzen. So gehört auch zur primären Prävention ein alternativisches Denken und Handeln, zur sekundären und tertiären Prävention der Erwerb einer differenzierenden Konfliktkompetenz, wie sie auf den Seiten 34 ff. beschrieben wird.
Die „Ansätze der Gewaltprävention“ (S.36) zeigen eine Fülle von Möglichkeiten für gezielte Projekte mit dem Ziel der „Entwicklung einer Kultur des Friedens“. Wenn GUGEL eine Friedenskultur auf der Basis einer „Gesamtgesellschaftliche(n) Strategie der Demokratisierung und Zivilisierung“ (S.37) sieht, so kann man sicher von visionären Zielen sprechen. Doch diesem utopischen Denken kann ich nur zustimmen, weil dadurch enorme gestalterische Impulse und Kräfte freigesetzt werden.
In der Umsetzung in die Praxis werden „Positionspapiere“ vorgestellt, die zur Diskussion anregen, was gerade für den Transfer so wichtig ist.
Das 2. Kapitel eröffnet den Dreierschritt mit der gründlichen Analyse aller Formen der Gewalt. Zutreffend wird von „Grundwissen“ gesprochen, weil ohne dieses die im 1. Kapitel analysierte Gewaltprävention nicht umsetzbar würde. „Gewaltprävention ist davon abhängig, was unter Gewalt verstanden wird und wo die Ursachen von Gewalt gesehen werden.“(S.54) Die Vielschichtigkeit von Gewalt, diese Mehrdimensionalität eines Phänomens, macht eindeutige Definitionen (fast) unmöglich. Darum bedarf es darüber des interdisziplinären Dialogs, der in diesem Kapitel des Handbuchs umfangreich und gründlich geführt wird.
Überzeugend wird in diesem Kontext die Rückwirkung auf die Präventionsarbeit reflektiert, wobei für die Praxis die Reduktion auf die Schwerpunkte der individuellen (personal) und institutionellen (struktural) Gewalt hilfreich sein kann, aber zu Recht auf die Erweiterungen immer zu verweisen ist, z.B. nach Johan Galtung (S.56), der das Gewaltdreieck zwischen direkter, struktureller und kultureller Gewallt entworfen hat und weiter noch nach einem sichtbaren und unsichtbaren Bereich unterscheidet.
Auch der Gewaltbegriff der WHO (S.57f.) lässt sich auf ein Dreieck reduzieren: selbstschadende, interpersonelle, kollektive Gewalt.
Dass alle Definitionsversuche auch ihre Grenzen haben, zeigt GUGEL am Ende an seinem umfangreichen Fragekatalog (S.66). Da aber die Gewaltprävention eines eindeutigen Gewaltbegriffs bedarf, ist die Diskussion immer neu in je ihrer Zeit zu führen. Besonders hilfreich erweisen sich die aufgelisteten Zusammenhänge, in denen Aggressionen vorkommen und wahrgenommen werden. Der Umgang mit Aggressionen ist sicher ein weites und weiteres Lernfeld. (Vgl. M 4 S.76)
Nach der allgemeinen Einführung in den Gewaltbegriff (Kp. 2.1) wird nun auf die „Gewalt an Schulen“ (2.2) fokussiert. Diese Form der Gewalt genauer zu bestimmen, scheint wegen der differenzierten Wahrnehmung von Schulleitung, Lehrern, Schülern äußerst schwierig, ebenso auch wegen der unterschiedlichen Perspektiven, erwachsen aus einem ungeklärten Gewaltbegriff. Und Untersuchungen klammern den „Tatort Schule“ oft auch noch aus. So bietet das Handbuch zwei Statistiken (aus Berlin und Sachsen), die nur sehr vorläufige Bewertungen zulassen. Gewarnt wird auch vor medialen Einseitigkeiten in der Berichterstattung über schulische Gewalt. Hier helfen Pauschalisierungen nicht weiter.
Als hilfreich und weiterführend erweist sich der gute und überzeugende Hinweis auf die Zahlen des „Bundesverbandes der Unfallkassen“ (S.99), aus denen ein Rückgang von Unfällen aus aggressivem Verhalten von Schülern zu ersehen ist. Dass sich die Altersgruppe der 11-15- Jährigen überdimensional gewalttätig zeigt (S.100), wundert wegen der pubertären Lebensphase nicht.
Dankbar bin ich für die Auswertung der Tabelle auf S.103, weil hier deutlich wird, welche Wechselwirkung zwischen öffentlicher Beschimpfung, Blamieren, Diffamieren durch die Lehrkraft, Schüler ermutigt werden, es mit den Mitschülern ebenso zu tun. Die Vorbildfunktion der Lehrperson ist für ein positives Klassen- und Lernklima gefordert!
Die Materialien zur Umsetzung gehen von der Prämisse aus, dass die nicht mehr zu leugnende Gewalt an Schulen akzeptiert wird, um daraus auch die entsprechenden Handlungsmodelle zu entwickeln. Dieser Ansatz ist unbedingt zu akzeptieren, weil neben der Information auch die Akzeptanz im eigenen Umfeld zur gelingenden Prävention gehört.
Nach der institutionellen Recherche (in 2.2) wird nun (in 2.3) individuell nachgefragt: „Jugendliche in Krisensituationen“ (S.121ff.). Diese Korrelation von Krisensituation und Gewaltbereitschaft nimmt die Wertigkeit von Lebensphasen ernst, in denen Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung durchaus akzeptiert wird. Diesen „Übergangsidentitäten“ wird die nötige Aufmerksamkeit gegeben, was ich sehr begrüße; denn „Krisensituationen sind existenzielle Konflikte, die subjektiv als äußerst belastend erlebt werden.“ (S.122)
Konfliktbegleitung ist deshalb erforderlich, wofür das Handbuch überzeugende Hilfen für eine konstruktive Konfliktkultur anbietet.
Viel umfangreicher werden „Destruktive Bewältigungsstrategien“ (S.125ff.) abgehandelt, weil ihnen beim Thema Gewalt die besondere Aufmerksamkeit gilt. Die Liste der destruktiven Gewalt gegen sich selbst beginnt mit Essstörungen, dann die Selbstverletzungen, es folgen die suizidalen Verhaltensweisen. Die drei autoaggessiven Handlungen werden kurz beschrieben, um einen Ersteindruck zu gewinnen. Wie notwendig eine Behandlung im Unterricht der Einstiegsdroge Alkohol für Jugendliche ist, bedarf wohl keiner Diskussion mehr. Hier wird ein Schwergewicht für die präventive Arbeit liegen müssen. Sicher haben wir in der BRD noch kein großes Problem mit Straßenkindern, auch wenn hier eine große Dunkelziffer zu vermuten ist, aber das Problem des Abhauens und Schuleschwänzens gehört mit zu der Liste der destruktiven Konfliktlösungen Jugendlicher.
Dankenswert und umfangreich wird die neue Resiliensorientierung (S.134ff.) aufgenommen, um nicht nur negative Prävention zu betreiben sondern konzeptionell nach Möglichkeiten zu suchen und sie lernorientiert auch strategisch einzusetzen, um bewusst zu machen, wie Jugendliche selbstbewahrende Kräfte in Konfliktphasen einbringen können. Resilienz darf keine neue „Masche“ werden, weil schon vorhandene Konfliktlösungskompetenzen vorhanden sein müssen und als Grundbedürfnisse schon mitgebracht werden. Wieweit resilientes Verhalten ohne Konflikterfahrung „theoretisch“ erlernt werden kann, ist weiter zu erforschen.
Die Stärken des Handbuches zeigen sich erneut in dem reichhaltigen Angebot an Materialien für die Umsetzung des Theorieteils in die Praxis. Auch wenn in einzelnen Materialien für Eltern und Lehrer neben ergänzenden Informationen Zusammenfassungen angeboten werden, lassen sie sich als Textvorlagen gut diskutieren. In den Schülermaterialien wird immer wieder zur eigenen Stellungnahme herausgefordert, was den Lernprozess beflügelt.
In einem weiteren Kapitel (2.4) wird jugendliches Verhalten in Krisensituationen im Blick auf Jugendgewalt konkretisiert (S.157). Beginnend mit der juristischen Klärung und Abgrenzung von Gewalt und Kriminalität von Jugendlichen, wird nicht nur nach den Tätern sondern auch nach den Opfern gefragt. Mehr noch: „Jugendliche sind oft beides, Opfer und Täter“ (S.163).
Besonders gefallen hat mir der Abschnitt „Pubertäre Normalität“ (S.164-165), weil es GUGEL gelingt, „Probleme der Erwachsenen mit pubertärem Verhalten“ (S.164) bewusst zu machen. Ebenso gibt die Vertiefung „Funktionen der Gewaltanwendung“ (S.166-169) nützliche Hinweise im Umgang mit pubertärer Gewalt, weil der älteren Generation ein Spiegel vorgehalten wird. Gelassenheit und Glaubwürdigkeit sind nützliche Tugenden beim Bemühen, Jugendgewalt zu desymbolisieren, um alternative Handlungsoptionen anzubieten. „Gewalt löst zwar kein Problem, aber sie macht auf sie aufmerksam.“ (S.167) So räumen die präventiven Handlungsansätze mit manchem Vorurteil auf, z.B. mit der populistischen Forderung nach härteren Strafen.
Nach vier mehr analytischen Kapiteln werden in 2.5 („Gewaltprävention in der Schule“) Transfermöglichkeiten aufgezeigt. Der Prämisse ist unbedingt zuzustimmen: „Oberster Grundsatz für die Schule muss sein: ‚Gewalt hat in der Schule keinen Platz’, Schule muss ein sicherer Ort sein, an dem alle ohne Angst und Furcht leben und arbeiten können.“ (S.190) Nur ein ganzheitlicher Ansatz, wie er von GUGEL vertreten wird, hat Chancen auf Erfolg: Schüler-Klasse-Lehrer-Schule-Elternhaus-Gemeinde-Gesellschaft. Wie ein solcher multimodaler Ansatz in der Schulwirklichkeit realisierbar werden kann, wird überaus eindrucksvoll (S.193-198) nach den Bildungsforschern Klaus-Jürgen Tillmann und Heinz G. Holtappels beschrieben. Als besonders anregend habe ich die Materialien M3/M9/M13 wegen der vertiefenden und weiterführenden Erkenntnisse gelesen.
Aus dem nächsten großen Kapitel „Lernfelder und Ansatzpunkte“ möchte ich exemplarisch das Kapitel „Medien“ (3.8) herausgreifen, weil diese immer wieder auch in die öffentliche Kritik geraten, wenn es um die Ursachensuche für Gewalthandlungen geht. Ich möchte beginnen mit dem grün unterlegten Kasten auf S. 468: „Medien verändern unsere Welt, unsere ethischen Vorstellungen, unsere Gefühle – und deshalb müssen wir auch Einfluss auf die Medien nehmen.“ (Zitiert nach Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates. In: tv diskurs, 4/2007, S.28) Dass Medien Handlungen beeinflussen, wurde und wird umfangreich diskutiert, dass auch Einfluss auf die Medien genommen wird, lässt sich wegen der Konsumentenhaltung kaum in gleicher Intensität nachweisen. Dabei leben unsere Jugendlichen in einer Medienwelt, die sie prägt, auch im Umgang mit Gewalt, wobei jeweils zu unterscheiden ist, ob es sich um reale Gewalterfahrungen handelt oder fiktional-medial konsumierte Gewalt.
Diese aspektreiche Diskussion wird auch intensiv in diesem Kapitel des Handbuchs geführt, was die älteren Lesenden zur eigenen Stellungnahme herausfordert. Kausale Zusammenhänge zwischen medialer und „real existierender“ Gewalt lassen sich nicht nachweisen, wohl aber Gewaltimpulse, die rezeptionsintensiv wirken. Dazu ist auch erforderlich, die einzelnen Formen der Gewalt zu kennen und wie sie in den Medien dargestellt werden (S. 472f.), wie z.B. die „saubere“ Gewalt, die “dem Opfer keinen sichtbaren Schaden zufügt“ (S.472), oder die identifizierbare Gewalt, die vom Betrachtenden schon selbst erlebt wurde und damit von ihr eine gewisse „Anziehungskraft“ ausgeht. Selbst erlebte Gewalt, die medial dargestellt wird, könnte den Eindruck der Normalität vermitteln.
Was erst langsam in das öffentliche Bewusstsein dringt, sind die „Gefahren durch das Internet“ (S.473ff.) GUGEL beruft sich auf Michael Kunczik/Astrid Zipfel, um allen Älteren, die sich für das von den Jugendlichen konsumierte Gewaltmaterial weniger interessieren, die Augen für die implizierten Gefahren zu öffnen. Jede Forderung nach einer Medienpädagogik für das Internet ist zu unterstützen; denn:
- was in öffentlichen Medien an Grausamkeiten nicht mehr gezeigt wird, findet im Internet seine Fortsetzung;
- was als Tötungsdelikt unter Strafe steht, kann im Computer-Spiel beliebig praktiziert werden;
- was von Angesicht zu Angesicht an Beleidigungen nicht auszusprechen gewagt wird, kann im Chat-Room gefahrlos verbalisiert werden (Cybermobbing);
- was an rechtsextremistischen Behauptungen öffentlich verboten ist, kann beliebig ins Netz gestellt werden.
Im Handbuch wird aber auch höchst aktuell auf Formen der Auflösung des Schutzes der Persönlichkeit und der Menschenwürde hingewiesen, wenn es Jugendlichen einen „Spaß“
macht, mit dem Handy Gewaltszenen (Happy Slapping) aufzunehmen und zur eigenen Renommiersucht ins Netz zu stellen. Diese Form eines öffentlichen Prangers bedarf dringend einer Wertediskussion, was auch im Handbuch informativ angeregt wird, wozu auch die angebotenen Informations- und Unterrichtsmedien beitragen.
Aus dem großen 4. Kapitel „Handeln in Problem- und Gewaltsituationen“ möchte ich das Unterkapitel “Verhalten in akuten Gewaltsituationen“ (S.537ff.) exemplarisch besprechen, da in ihm auch das vorausgehende Kapitel über die Zivilcourage mit enthalten ist.
Der Prämisse möchte ich unbedingt zustimmen, dass präventives Handeln in Gewaltsituationen dem Täter/der Täterin eindeutig verdeutlicht, dass ein solches Handeln keine Anerkennung findet. Eine solche Ächtung isoliert auch nicht das Opfer und nimmt Zuschauer in die Pflicht zum Einschreiten. Wie wichtig darum die Analyse der Täter-Opfer-Zuschauer-Kostellation einzuschätzen ist, wird deutlich erarbeitet.
Zuschauer können wegen unterlassener Hilfeleistung zu Co-Tätern werden, was nicht deutlich genug gemacht werden kann. Und für Opfer gilt sicher auch, dass sie sich ihrer Rolle bewusst werden, die sie „zur leichten Beute“ machen kann, was aber keineswegs die Schuld der Täter relativieren darf. (Vgl. zu Opferrolle S.541) Wie schnell ein Wechsel der Opfer-Täter-Rollen möglich ist, zeigen die jüngsten Fälle sexualisierter Gewalt in den Ferienlagern im Sommer 2010 in Ameland (Kinder aus Osnabrück) und Meldorf (Messdiener aus Xanten).
Ebenso nötig muss das Verhalten des Hinsehens/Standhaltens versus Wegsehens/Flüchtens diskutiert werden, was sehr sensibel im Handbuch bedacht wird. Hier ist die Aus- und Weiterbildung in konstruktiver Konfliktkultur gefordert aber auch die immer wieder notwendige Selbstreflexion im Umgang mit eigener Gewalt.
Das Handbuch jedenfalls trägt in summa ganz entschieden Auseinandersetzung bei.
Anhang:
Zur schnellen Orientierung aber auch zur Vertiefung wird ein „Instrumentarium“ in der Form eines Lexikons angeboten.
Für die vertiefende Weiterarbeit findet sich, gegliedert nach den einzelnen Kapiteln und Abschnitten, ein umfangreiches Literaturverzeichnis auf sehr aktuellem Stand.